Samstag, 8. März 2008

Weinrallye # 9 Das Schokoei unter den Weinen

1. SELBSTREFLEXION
Die Weinrallye #9 ist wieder mal für ein Lehrstunde und eine gute Portion Selbstreflexion gut.
Denn die Aufgabe zu dem Thema "Alltagsweine", welches vom dem diesmaligen Veranstalter Bildergeschichten aus dem Weingut Steffens-Keß gestellt wurde, hat mich plötzlich vor die Frage gestellt:
Hab' ich einen Alltagswein? Was ist überhaupt ein Alltagswein?
Alle Tage trinke ich keinen Wein, und wenn mal ein Wein auf den Tisch kommen soll, dann soll's was Vernünftiges sein.
Also, was heißt, zum Teufel noch mal, Alltagswein?
Das Wein-Glossar von wein-plus wartet mit einer Definition auf, die kurz und knackig ist:
"Bezeichnung (auch Trinkwein) für einen einfachen aber fehlerlosen Wein ohne besondere Qualität, der in der Regel zum raschen Trinkgenuss bestimmt ist...."
....Fehlerloser Wein: einverstanden!
....zum raschen Trinkgenuss bestimmt: einverstanden!
Aber macht das allein schon einen Alltagswein aus? Meines Erachtens: Nein!
Ich finde, zu einem Alltagswein gehört auch ein wenig mehr Herz, denn der Wein soll ja nicht nur so nebenbei oder statt Wasser die Kehle hinunterfliessen. Der Wein soll jeden einzelnen Tag, an dem man einen Wein trinken möchte, glücklich und zufrieden machen. Und man möchte bei diesem Wein immer sicher sein, dass man die gleiche gute Qualität für nicht allzu viel Geld bekommt.
Für mich ist ein Alltagswein daher ein Wein, der mir als erster einfällt, wenn ich für einen netten Abend eine Flasche suche. Er soll unkompliziert, nicht zu teuer, sauber, leicht zu erwerben und gleichzeitig lecker sein. Fast wie ein Überraschungsei, das ja auch nicht zum Ferrari der Schokoladen gehört und dennoch immer wieder gern gegessen wird.

2. SUCHE UND FINDE DAS WEINEI
Mein persönliches Schokoei unter den Alltagsweinen ist ein Wein von Guigal. Den bekomme ich hier in Berlin leicht, er befindet sich noch in einer erträglichen Preisklasse und ist m.E. immer sauber, lecker und in seiner Unkompliziertheit für jede Gelegenheit ein passender Wein.

Frankreich
Rhone
Guigal
Côtes-du-Rhône
rot 2004
13 % vol.
55 % Syrah, 35 % Mourvèdre, 8 % Grenache und 2 % ein unbekannter Rest

Pro Jahr werden 2.500.000 Flaschen hergestellt. Der Wein ist also ein Massenwein.
Laut Guigal wachsen die Trauben auf Kalk- und Kieselstein, Sediment, Granit, alluvialem und anderem Boden. Und der Wein wird laut Infoseite von Guigal nach traditioneller Methode hergestellt, also wohl nicht nach dem macération carbonique-Verfahren.
These are the facts.
Nun aber zum wichtigsten Punkt....dem Genuss.

3. FARBE, NASE, MUND und RUNTER
Der Wein ist schon beim Eingiessen ins Glas farblich blutrot, fast schwarzrot.
Beim ersten Schnüffeln am Wein strömen einem mit großer Intensität schwarze Johannisbeeren, Sauerkirschen und schwarzer Pfeffer entgegen.
Nachdem der Wein etwas länger geöffnet war, kommt der erste Schluck. Ahh. Der Wein ist am Gaumen tanninreich, rund, samtig und mit einer starken pfeffrigen Note. Die anfängliche Säure verfliegt ganz schnell und weicht einem leckeren Sauerkirscharoma gemixt mit Marzipan.
Der Abgang ist dann lang, lang, lang....soft, soft, soft und die Tannine bleiben harmonisch harmonisch, harmonisch. Die Fruchtigkeit des Weins kommt insbesondere beim Abgang stark zur Geltung.


4. ROT UND DEFTIG
Zum Alltagswein gehört m.E. als Essen was Einfaches und Deftiges. Etwas, was unkomplziert zubereitet werden kann und trotzdem lecker ist und einen zufrieden und glücklich macht. Also ein schönes Abend br o t .
Zum leckeren französischen Sauerteigbaguette gibts daher ganz bodenständig ein Epoisses Coupe, Gabietou, ein Stückchen Mimolette demi-vieille, kleine Grignotons mit Provenzalmantel von Les Sornins - kleine verdammt leckere Salamipralinen -, die aus dem Ardèche stammen, und eine Terrine de Sanglier - also eine Wildschweinpastete-. Zum vitaminreichen Ausgleich kommen dann noch leckere Weintrauben auf den Präsentierteller.
Dann kann das grosse Fressen losgehen.
Das erst Stückchen Brot mit Epoisses kommt in den Mund. Ein Schlückchen Wein und....hmm....not the best match! Die Säure des Weines dominiert zu sehr.
Daher wird dann rasch ein wenig Gabietou mit Brot in den Mund gesteckt:...schon besser! Die Milde des Käses harmoniert gut mit dem Wein, so dass die Säure nicht mehr so dominant ist und die Fruchtigkeit des Wein eher zum Tragen kommt.
Beim Mimolette ist es wieder wie beim Epoisses. Nicht unbedingt die beste Kombination. Zuviel Säure und zuwenig Frucht.
Eindeutig die besten Partner zum Côtes-du-Rhône waren dann die Wildschweinpastete und die raffinierte Salamipraline. Die salzige und pfeffrige Würze der Pastete und der Salami harmonierten traumhaft mit dem Wein und brachten gegenseitig die beste würzige und fruchtige Seite zum Vorschein! Also nix Käse und Wein! Alles Schmarrn!

5. ERGEBNIS DER SELBSTREFLEXION
Einen Wein, den ich gerne immer wieder anbiete und der in seiner Qualität sauber und lecker ist, den habe ich also. Ich habe ergo wohl einen Alltagswein.
Der Begriff Alltagswein ist allerdings aus meiner Sicht ein unglücklich gewählter Begriff.
Denn Wein soll m.E. nicht alltäglich getrunken werden, egal, ob er nun hervorragend und nur mittelmässig ist. Wein sollte m.E. immer etwas besonderes bleiben.
Schlussendlich schon deswegen, um die harte Arbeit der Winzer zu schätzen.
Aber einen Ferrari will man ja auch nicht immer fahren, mal steht einem der Sinn ja auch nach einem kleineren und bescheideneren Volksauto.
So ist es eben auch mit dem Wein: Es muss nicht immer ein Chateau d'Yquem sein...manchmal reicht eben auch ein Côtes-du-Rhône vollkommen aus, um ein Abend genussvoll zu gestalten. Sozusagen das Schokoei unter den Edelpralinen.

Kommentare:

LarsB hat gesagt…

Super Beitrag! Stilnote 1 - nur "m.E." musste ich doch tatsächlich googeln... man lernt halt nie aus.

Liebe Grüße nach Berlin!

Swetlana hat gesagt…

Danke für das Lob!
Hinsichtlich m.E. fordere ich i.Ü. hin und wieder gerne Leser! Aber nur gelegentlich. Ansonsten wirds zu anstrengend...;-)
Beste Grüße ins Badische!

Iris hat gesagt…

Mein überschwengliches Plaisir an Deinem Beitrag, den ich als ersten in der Serie gelesen hatte, wollte ich natürlich auch noch hier beschreiben - dann hat mich meine Faulheit aufgehalten, weil ich zum Kommentarschreiben auf dieem Blog immer erst in einen anderen Browser wechseln muss...

Also jetzt aber doch nachgeholt - nach dem Küken das Ei - da sind wir ja jetzt auf das kommende Osterfest eingestimmt. Es war wieder ein alles umfassendes Vergnügen - ich bedauere immer nur, nur virtuel dabei zu sein:-)

Nur die Konklusio, dass eben Wein und Käse nicht immer ideal zusammenpassen, möchte ich ergänzen: Rotwein macht da mehr Schwierigkeiten als Weißwein, vermutlich wegen der Tannine.

Ich habe die generelle Kombination Rotwein zum Käse immer für falsch gehalten, da sie sich vor allem bei Weich- und Blauschimmelkäsen meist als falsch herausstellt. Da machen viele Weißweine und für die besten auch Likörweine eine wesentlich bessere Figur.

vinissimus hat gesagt…

Liebe Swetlana,

mir ist's da wohl ähnlich gegeangen wie Iris - Beitrag kurz vor Mitternacht gelesen, dann aber übermüdet nach einem herrlichen Schitag ins Bett gefallen!
Präzise und messerscharf analysiert, dein Engagement wird richtiggehend spürbar, eine Lehrstunde für jeden Blogger - Danke!

Swetlana hat gesagt…

Ich werde ganz rot vor soviel Lob! Dabei ist es doch ein unglaubliches Vergnügen, die verschiedensten Berichte zu den Weinrallye-Themen zu lesen! Alle auf ihre Art unterschiedlich und dennoch bereichernd!
Und was den unsäglichen Wein-Käse-Mythos angeht, gebe ich Dir, liebe Iris, nur zu gerne recht. Es gibt einfach zuviele "Vorurteile", die Wein-Essens-Kombinationen betreffen. Ich versuche sie gerade am eigenen Leib zu negieren oder eben zu bestätigen.. ;-) Die Erfahrung, dass gerade zu einem Weisswein Käse sehr viel besser passt als zu einem Rotwein, hatte ich auch schon des öfteren gemacht. Aber man ist immer wieder der Versuchung erlegen, das Gegenteil zu bestätigen.
Freue mich schon auf die nächsten Weinrallyeberichte aus allen Teilen der Welt und bin gespannt wohin uns der Chenin blanc führen wird! ;-)
Beste Grüsse aus Berlin!