Mittwoch, 6. Februar 2008

Weinrallye # 8: Vom venetianischen Küken zum Mosel'schen Künstleretikett

1. Ein erstes Vorwort
Mein erster Gedanke war, als ich Iris Aufgabenstellung zur Weinrallye # 8 gelesen hatte, ob ich mir aus Jux ein Etikett bei einem der tausenden "online-Etikettenfabrikanten" herzaubern lasse und auf dem heimischen Printer ausdrucke und auf eine hinsichtlich des Etiketts nicht ganz so spektakuläre Weinflasche klebe, die dafür einen gescheiten Inhalt hat.
Kompliziert, kompliziert, kompliziert....ausserdem wäre der Tatbestand des Etikettenschwindels erfüllt... ;-). Daher mussten andere Ideen her, die zum Glück auch nicht ausblieben. Aber dazu später.

2. Ein längeres zweites Vorwort
In Vorbereitung auf die Weinrallye # 8 führte mich mein Weg zu dem alteingessenen Charlottenburger Delikatesshändler Rogacki.
Den Wein, diesmal einen Weisswein von der Mosel, hatte ich ja schon vorher bestellt. Fehlte nur noch das Essen, in dem Fall der Fisch, konkret ein frisch filetierter Saibling. Der wurde schnell und fachgerecht vorbereitet und dann brav erworben. Nach dem erfolgreichen Kauf blieb noch ein bisschen Zeit die restlichen Fisch-, Fleisch-, Wurst-, Käsetheken zu begutachten und schlussendlich bei den Weinregalen hängenzubleiben. Es hätte ja sein können, dass das eine oder andere Flaschenetikett einen förmlich anspringt und darum bettelt, in den Einkaufkorb gelegt zu werden.
Und tatsächlich.
Hübsch dekoriert auf einem Holzweinfass stand dann diese Flasche, die flugs erworben wurde:

Italien
Venetien
Mionetto
Novello 2007
Merlot und Cabernet Sauvignon
11,5 %vol.

Passend zu der bald bevorstehenden Osterzeit (es grenzt schon fast an ein Wunder, dass Anfang Februar keine Schoko-Osterhasen und -eier dekorativ die Weinflasche schmückten!), guckt vom Etikett des Novello 2007 ein Küken, frisch aus dem Ei gesprungen, verschämt über den Rand der Eierschale. Sehr süss! Ist das etwa einen Hinweis auf die Geschmacksrichtung des Weines?
Süss wie das Etikettenküken, ist dann aber auch der Wein. Mionetto ist hauptsächlich für seinen Schaumwein bekannt, wie auf Nikos Weinwelten erst kürzlich wieder aufmerksam gemacht wurde.
Der Novello ist nicht nur spritzig und überaus fruchtig, sondern macht einer Sommerbowle alle Ehre. Fehlen noch die obligatorischen Erdbeerstückchen.
Beim Einschenken hat der Novello eine herrlich knallige himbeerige bzw. erdbeerige Farbe. Und erinnert gleich an wunderbare Sommerpicknickabende.
In der Nase sticht dann gleich die leicht gegorene Erbeere zusammengemixt mit der Himbeere hervor. Ein Hauch von einem frischen Roggenbrot fliegt beim zweiten Riechen entgegen. Es könnte allerdings auch die russische - fast alkoholfreie - Variante des Biers, nämlich Kwas (auf Roggenbasis hergestellt), sein.
Der erste Schluck erinnert dann tatsächlich an eine Erdbeerbowle. Dadurch, dass der Wein sehr, sehr jung ist, ist er auch noch sehr spritzig. Insgesamt ist die Süsse jedoch mit ein paar Tanninchen wohl ausbalanciert und lässt sich angenehm trinken.
Im Abgang ist der Wein dann light buttery mit einem Hauch Säure versehen; ebenfalls in good balance.
Zusammen mit kleinen sardinischen Ziegenhartkäsestückchen serviert, harmoniert der sehr gut gekühlte Wein bestens und ist somit ein idealer starter bei bevorstehenden Frühlings- und Sommerabenden. Es muss ja nicht immer zum Entree als Aperitif der Schaumwein in seiner teuren oder billigen Variante gereicht werden, oder?

3. Der eigentliche Teil des Artikels
Nach dem Lesen eines Artikels zum Thema Künstleretiketten, über den ich bei meinen Vorüberlegungen gestolpert bin, fiel mir wieder das Weingut Kerpen als idealer Etikettenträger und Ideengeber ein.

Deutschland
Mosel - Saar - Ruwer
Weingut Heribert Kerpen
Kollektion Kerpen
Graacher Himmelreich
Riesling Kabinett 2006
12 %vol.

Auf das kleine, familienbetriebene Weingut wurde ich vor ein paar Jahren durch Paula Bosch aufmerksam gemacht. Auf einer gerade geplanten Moselweinreise wurde von ihr neben dem Besuch der grossen Namen wie J. J. Prüm, Schloss Lieser, Dr. Loosen, etc., auch der Besuch des Weinguts Kerpen in Bernkastel-Wehlen empfohlen. Ihr Wort war uns Befehl und flugs wurde auch ein Termin beim Gut Heribert Kerpen ausgemacht. Dort sind wird dann bei einem gemütlichen Tasting zu dritt mit den Weinen aufs Beste vertraut gemacht und überzeugt worden. Insbesondere die immer wieder prämierten und höchstgepunkteten Trockenbeerenauslesen, Beerenauslesen und Spätlesen hatten es uns angetan.
Diese sind hier aber nicht das Thema.
Vielmehr ist Thema die "Kollektion Kerpen". Das ist der Graacher Himmelreich Wein, der jedes Jahr ein anderes Etikett bekommt, welches von einem Künstler gestaltet wird. Sozusagen eine special edition.

Das Etikett ist schon mal ansprechend, sozusagen künstlerisch wertvoll.

Ist der Wein nun ebenfalls geschmacklich wertvoll?
Die Antwort ist eindeutig ja.

step 1: Der Wein
Beim Einschenken strahlt einem leicht perlig und gut gekühlt ein hellgoldgelbener Farbton entgegen.
Die Geruchsnerven der Nase explodieren förmlich beim ersten Schnüffeln: Zitrone, Aprikose, Litchi, leichte Nussaromen, ein bisschen toffee-Bonbons und gaaaanz viele frische grüne Äpfel. Fehlt noch was im Geruchscocktail?
Das erste was einem auffällt, wenn man den ersten Schluck nimmt, ist dann die starke Mineralität, die ich besonders bei den Moselrieslingen schätzen gelernt habe.
Die Nervenexplosion, die man in der Nase hatte, bleibt zwar am Gaumen aus, aber die feinen Töne von leichtem Litchi, Grapefruit, Limette und Aprikose mit einer Ahnung von frischem Gras bleiben einem erhalten.
Der Abgang ist dann sehr, sehr lang und weckt wieder toffee-Assoziationen gemixt mit einer Limette.

step 2: Das Essen














Die traumhafte brazil-jazzige Musik von der belgischen Sängerin Helena Noguerra wird angemacht. Es kann gut eingestimmt also losgehen.
Der bei Rogacki erworbene Saibling wird nach einem abgewandeltem Witzigmann-Rezept zu einem Saiblingfilet in Kräuter-Wein-Sauce mit Champignons und Schalotten, garniert mit kleinen Kartöffelchen und Blattspinat, verarbeitet.
Nachdem ich letztens dann noch bei iTunes über ein podcast von Laurentius Kollmann zum Thema Tiramisu und Riesling gestossen bin und dort die Kombination fast wärmstens empfohlen wurde, habe ich mich ebenfalls zu diesem Experiment hinreissen lassen. Den Riesling hatte ich ja schon. Das passende Tiramisu ist dann schnell ebenfalls zubereitet worden.

step 3: Die Wein-Essen-Kombi
Sowohl der Wein als auch der zubereitete Fisch sind für sich allein gesehen sehr aromatisch. Ob das wohl zusammen gut geht? Na klar! Zusammen mit dem Wein ist das Saibling-Gericht nicht nur sehr gut, sondern einfach göttlich! Sowohl die mineralische Säure des Kabinett Rieslings als auch die intensiven Kräuter in dem Gericht, zusammen mit den leicht süsslichen Kartöffelchen ergänzen sich hervorragend und ergeben eine Symbiose zum Dahinschmelzen.
Dagegen war die Kombination Tiramisu - Kabinett Riesling nicht perfekt. Der Geschmack des Tiramisu als auch das Aroma des Weins leideten merklich unter der Kombination, sanken sogar bis zur Bedeutungslosigkeit herab, kein Spur mehr von Litchi oder Äpfeln oder Ähnlichem. Auch das Tiramisu schmeckte plötzlich nur noch nach Mascarpone. Vielleicht hätte ich statt eines Kabinetts eine Spätlese nehmen sollen?! Schade. Sowohl der Wein als auch das Dessert hätten einen adäquateren Partner verdient.

4. Conclusio des Etikettentrinkens
Die Etiketten sagen viel über einen Wein aus. Auch wenn das Etikett etwas ungewöhnlicher gestaltet ist, heisst es nicht, dass sich hinter dem Etikett in der Flasche ein schlechtes Tröpfchen verbirgt. Insbesondere, wenn hinter der Etikettengestaltung auch ein Künstler steckt.
Genauso wie bei Menschen sollte man allerdings auch beim Wein weniger auf das Äussere als auf die inneren Werte achten.
In diesem Sinne... Prosit auf die innere und äussere Schönheit!

Kommentare:

Iris hat gesagt…

Bravo, bravissima! Da hat sich das Warten doch gelhnt und ich bedauere nicht, dass ich noch mal aufgestanden bin, um das gleich zu lesen - was ich aber wirklich bedauere, ist nicht bei Dir zu Gast gewesen zu sein, um dieses rundum köstliche Testmahl mit Dir zu teilen. Das war doch was stilvoller, als mein Glas Wein vor dem Computer - auch wenn der Bogdanivic jetzt, nach 6 Stunden Atmung erst langsam anfängt, sein südliches Potential voll zu entfalten...

Na dann, gut e Nacht und bis zum nächsten rallye-rendez-vous!

LarsB hat gesagt…

Deinem Conclusio kann ich nur zustimmen, damit ist eigentlich alles gesagt.
Zur Tiramisu ist kaum ein passender Wein zu finden, die Aromen von Espresso und Amaretto sind zu dominant. Ich würde da eher einen Cappuccino bevorzugen... bei Amaretto schüttelt es mich eher.

Swetlana hat gesagt…

Lieber Lars, zu einem Tiramisu wird bei mir demnächst nur noch ein Espresso getrunken. Keine Experimente mehr! Ich finde es sowieseo grundsätzlich unglaublich schwierig zu einem Dessert - egal was - einen Wein zu trinken. Auch wenn Sommeliers immer wieder den Versuch starten, mich zu überzeugen. Meistens ist dann die Kombination zwar sehr gut. Aber als perfect match würde ich es nicht bezeichnen. Insofern, greife ich dann lieber zu einem kleinen Schwarzen!

lamiacucina hat gesagt…

Die Kerpen etikette gefällt mir auch sehr gut. Schokoladadessert: Auch kein Port ?

Swetlana hat gesagt…

Lieber Robert!
Portwein? Guten theoretisch immer gerne! Aber kombiniert mit Desserts ist es bisher nie der Höhepunkt eines Mahls gewesen... ;-)Aber vielleicht lasse ich mich ja irgendwann einmal eines besseren belehren! ;-)